Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München


Zunächst erscheinen hier die Werkstattnotizen zum aktuellen Jahrgang (2010) des Gedichtekalenders Kleiner Bruder.
Dann kommen ein paar Texte zur Geschichte der beiden Gedichtekalender.
Wer Werkstattnotizen zu früheren Jahrgängen haben möchte, wende sich bitte an den Verlag, per Post oder e-mail. Wir haben sie gespeichert und geben sie gern heraus.

Werkstattnotizen zum Gedichtekalender Kleiner Bruder 2010

Titelblatt     Joseph von Eichendorff: Durch

Als Text-Werkstück anspruchslos, als Sinngedicht großartig. Felsenbogen - vielleicht ein oben gerundeter Felsen. Dass der Himmel endlos weiter hinauf geht, wusste der Dichter so gut wie wir. Ob der Himmel in einem anderen Sinn «offen» sein könnte, war für ihn nur, aber immerhin, eine Denkbarkeit, und das ist es ja auch für uns.
Vom Himmel ist in diesem Kalenderjahrgang noch ein paarmal die Rede, spielerisch kosmologisch (Januar I), spielerisch mythologisch (Februar I), fromm (Juni II), erschrocken (November I).

Januar I     Ricarda Huch: Himmelsmärchen

«Die Sonne tönt, nach alter Weise,
In Brudersphären Wettgesang...»
so beginnt der «Prolog im Himmel» in Goethes «Faust». Dass die Gestirne durch ihre Rotation und ihre Bahnfahrt Geräusche hervorbringen, ist ein alter Gedanke der Dichter und Philosophen - und es kann ja auch sein, dass es so ist. Es kann sein, dass wir die Töne nur nicht hören, weil unser akustisches Spektrum begrenzt ist.
Dass sich die Gestirne miteinander unterhalten - und dass der kleine Planet Erde mitreden darf (und sogar der Winzling Mond beachtet wird): das ist schönste Dichter-Erfindung.
Das Gedicht ist ein stolzer Hinweis auf das, was - soviel wir wissen können - nur auf Erden stattfindet. Klar: auch Grund zum Weinen gibt es nur hier.

Februar I     Friedrich Schiller: Die Teilung der Erde

Das zum Verständnis unmittelbar Nötige ist im Kalender gesagt. Hier Notizen, die auf ein paar Schönheiten aufmerksam machen sollen.
«Die Welt» wird in fünf Beispielen anschaulich gemacht - und dann, mit der Pranke des Dramatikers, auf drei Abstrakta reduziert: «Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.»...
Von der Evolution wusste Schiller nichts oder wenig, von der Vor- und der Frühgeschichte vielleicht bisschen was, von der Mythengeschichte mehr. Gewiss wusste er, dass Zeus = Jupiter schon eine relativ späte Gestalt ist. Dass es unter dem olympischen Göttervater Äbte gegeben habe, die anspruchsvolle Weinkenner waren, hat Schiller zweifellos mit besonderem Genuss, na eben: gedichtet.
Interessant ist das Hin und Her zwischen Präsens und Praeteritum, z.B. «nimmt... wählt... sperrt... und sprach»: so redet man gemeinhin, und daher bekommt das Gedicht seinen - bei allem prachtvollen Pathos - bequemen Ton.

April I     Albrecht Haushofer: Persische Legende

Ein Schwank oder eine Anekdote. Eigentlich passt dafür die Form des Sonetts nicht so recht. Aber - nun ist eben doch die Entstehungsgeschichte von Belang: Albrecht Haushofer war vom Herbst 1944 bis zu seiner Ermordung Ende April 1945 im Gefängnis Berlin-Moabit. Er schrieb dort die achtzig «Moabiter Sonette», eines der wichtigen poetischen Zeugnisse des Widerstandes. (Andere schriftliche Zeugnisse gibt es viele, zum Beispiel Briefe.) Man kann sich vorstellen, dass die Verfertigung eines Sonetts einen inhaftierten Menschen einen Tag oder zwei Tage lang beschäftigt und bis zu einem gewissen Grad befriedigt.
Die Themen-Vielfalt der «Moabiter Sonette» ist erstaunlich. Ein paar wenige Sonette sind heiter. Wie dieses. Man kann es sogar vorlesen - allerdings ist dann von der Form des Sonetts nicht mehr viel zu spüren.
Zu den anwendbaren poetischen Pointen des Kalenders trägt es seine letzten zwei Zeilen bei. Um die zu verstehen, muss man die zwölf anderen gelesen haben. Dann hat man einen wunderschönen Merkvers für manche Lebenslagen. Auch wenn man, wie die Kalendermacher und die Kalenderleser, kein Schelm ist.

Mai I     Johann Peter Hebel: Das Hexlein

Bei diesem Gedicht (und bei vielen anderen volkstümlichen Gedichten, z.B. Juni I) müssen wir an das Bonmot (von wem?) denken «Man muss nicht alles glauben, was die Leute sagen. Man muss aber auch nicht glauben, dass sie es ohne Grund sagen.»
«Das Hexlein» ist dasjenige der Alemannischen Gedichte von Johann Peter Hebel, das bei einer Meinungsumfrage die meisten Punkte erhalten würde. Haben wir es deshalb aufgenommen? Oder trotzdem? Wir finden etliche Gedichte des Buches bedeutend bedeutender, vor allem die Hexameter-Gedichte, die den Geist Vergils (genauer: seiner Hirtengedichte) durch den Schwarzwald wehen lassen. Die sind für den Kalender zu lang. Wer nicht darauf festgelegt ist, dass Biedermeier und Große Literatur sich ausschließen, wird an Hebels Alemannischen Gedichten Freude haben, mehr noch: er wird staunen. (Den bloß netten Singsang kann er ja überblättern.)
Es gibt verschiedene Buchausgaben der Alemannischen Gedichte. In unserem Verlag gibt es eine hochdeutsche, die eine eigene große Würde hat: Fast fünfzig Jahre nach den Erstausgabe von 1803 erschien die Übertragung von Robert Reinick, der selber ein beachtlicher Dichter war. Diese Ausgabe (von 1850) haben wir frei nachgestaltet: den Text in der Janson-Antiqua gesetzt, die Bilder allersorgfältigst über Film reproduziert, also echt Feinstrich, ohne Raster oder Pixel. Die Bilder sind Holzstiche nach Zeichnungen von Ludwig Richter, berühmt, hunderttausendfach nachgedruckt, soweit wir sehen: nirgends so gut wie bei uns.

Juni I     Unbekannter Dichter: Wenn ich ein Vöglein wär

Das Gedicht steht in Johann Gottfried Herders Buch «Stimmen der Völker in Liedern». Achim von Arnim und Clemens Brentano haben es in ihre Sammlung «Des Knaben Wunderhorn» (1806/08) aufgenommen, mit Hinweis auf Herders Buch und mit minimalen Änderungen. Wir zitieren nach Herder, haben aber mit Rücksicht auf die Melodie den vorletzten Vers jeder Strophe doppelt gesetzt. Lucian Hölscher, der in seiner Münchner Rede zur Poesie (über dieses Gedicht, im Lyrik-Kabinett, 2008) eine leicht geänderte Fassung vorgetragen hat, hält für denkbar, dass Herder überhaupt der Autor ist, und hält die in allen Fassungen ähnlichen metrischen Unregelmäßigkeiten und den ausbleibenden Reim in Stophe 2 für künstlerische Absicht. Beides kann wohl sein. Jedenfalls ist das Gedicht eine Kostbarkeit. Und jedenfalls ist Hölschers Text interessant zu lesen: Wenn ich ein Vöglein wär; Über Utopien und Wirklichkeit in der Neuzeit. Stiftung Lyrik Kabinett, München.

Juli II     Klaus Groth: Min Jehann

«Min Jehann» ist in Schleswig-Holstein so berühmt wie im Badischen «Das Hexlein» von Johann Peter Hebel (Mai I). Dass es ein beachtliches Gedicht ist, haben wir sogleich gespürt, als ein Freund es uns für den Kalender vorschlug. Unschlüssig waren wir, wer da spricht. Eine Frau allein im Zimmer, in Gedanken an ihren gestorbenen Mann? Oder an ihren treulosen längst entschwundenen Freund? Oder eine Frau angesichts ihres vielleicht im Sterben liegenden Mannes? Oder ein Mann, der zu einem anwesenden Menschen spricht oder über einen abwesenden sinniert? Einen alten Freund? Einen Bruder? (Der sprechende Mensch und der angesprochene Jehann müssten - und könnten - Nachbarskinder gewesen sein.)
Wir entschieden uns für das Gedicht, ohne das geklärt zu haben. Sprachen aber doch mit den Freunden, die es uns vorgeschlagen hatten, und fragten auch sonst herum. Aufschluss brachte unser Autor Jochen Missfeldt: Klaus Groth (1819-1899) war 1852/53 schwer krank.Sein vier Jahre jüngerer Bruder Jehann kam nach Fehmarn, um ihn zu pflegen (verheiratet war er erst ab 1858). Klaus Groth hat das Gedicht offenbar in dieser Zeit geschrieben. Er veröffentlichte es 1852 in seiner Gedichtsammlung «Quickborn», durch die er berühmt wurde. Nicht viele seiner Gedichte blieben lebendig oder wurden Klassiker, aber zu denen gehört jedenfalls «Min Jehann». Genug Leser spürten und spüren: Das Gedicht bedeutet nicht nur, wovon chronistisch nachweisbar die Rede ist, sondern - mehr.
Siehe auch unsere Werkstattnotiz zu Blatt 2 dieses Kalenders.

August I     Paula Ludwig: Ich wachte und schlief nicht

Das Gedicht steht seit kurzem in einer für Schulen bestimmten Sammlung «Lyrik des Expressionismus». Was Malerei des Expressionimus ist, weiß jedes Kind. Bei der Literatur ist die Zuweisung schwieriger. Ist nicht auch Goethes «Prometheus»
«expressionistisch»? Oder der halbe Klopstock?
Gleichviel - «Ich wachte und schlief nicht» ist sowohl im Sinne der Epochen der Literaturgeschichte als auch im Wortsinn ein expressionistisches Gedicht.
Die achtzehn- oder neunzehnjährige Paula Ludwig war sich dessen nicht bewusst. Sie hatte, unter anderem, Hölderlin gelesen und liebte den «hohen Ton», in dem leidenschaftliche Empfindungen angemessen - das heißt: würdig - zum Ausdruck bringen konnte. Grund genug, Dichter zu werden. Dichterin.
Paula Ludwig war bereits Mutter eines zweijährigen Sohnes, als ihr erstes Buch erschien, «Die selige Spur». Alleinerziehende Mutter. Sie war ein klein wenig kleiner als mittelgroß und war wunderschön. («Ich war das Modell im Fach Aktzeichnen der Münchner Malerstudenten» - wir haben sie das wiederholt heiter erzählen hören, zitieren aus dem Gedächtnis.) Sie war begehrenswert und offenbar nicht schwer zu erobern, sehnte sich dabei immer nach der großen Liebe, die sie mit Anfang dreißig auch fand: bei Ivan Goll, für immerhin neun Jahre.
Ihre Kindheit - bis kurz vor ihrer Jungmädchen-Liebe zu dem Leutnant, der der Vater ihres Kindes wurde - ist von ihr selber schön erzählt im «Buch des Lebens». Ihr ganzes Leben ist dargestellt in dem Buch «Ob niemand mich ruft; Das Leben der Paula Ludwig» von Heide Helwig. Diesem Buch wünschten wir viele Leser, Leserinnen. Es ist nicht nur eine bewegende Künstler-Biografie, sondern auch ein Fundort zeitgeschichtlicher Informationen, die sonst nicht leicht zu erhalten sind. Ein paar Hinweise mehr gibt es auf unserer Website unter Paula Ludwig.

September II     Jochen Missfeldt: Abschied vom Enkel

Darf ein Dichter so private Sachen veröffentlichen? Strenge Kritiker sagen: Nein. Wir sind keine strengen Kritiker. (In dieser Hinsicht; in anderer schon.) Missfeldt hat aus einer privaten Situation, die ungezählte Menschen kennen, ein anmutiges poetisches Gebilde gemacht. Mit einfachen Kunstmitteln. Zweimal eine Zeile eines volkstümlichen Liedchens (Vers 1 und 4), einmal ein ähnlicher Anklang (Vers 14).
Interessant, dass die reimlose letzte Zeile ungeheuer stark auffällt, obwohl vorher zwar schon gelegentlich, aber ja keinesfalls konsequent gereimt worden war.

Oktober I     Mascha Kaléko: Gewisse Nächte

Ähnlich wie bei «Min Jehann» von Klaus Groth (Juli II) ist man versucht, sich Szenerien auszumalen. Jedenfalls befindet sie sich am Stadtrand einer Großstadt. Jemand ist bei jemand anderem zu Besuch, von wo er normalerweise abends nach Hause geht. Eine Studentin - oder, was die Biografie nahelegen würde: eine Künstlerin - bei einer Kollegin? Oder bei ihrem Freund? Oder bei jemand Älterem? Jedenfalls sind Gastgeber und Gast so vertraut, dass der Gast dem Gastgeber die plötzlich aufgewachte Kinderangst eingestehen und ihn um Nachtquartier bitten darf. Jemand sonst Mutiges ist heute mal ängstlich - das gibt es bei Jung und Alt, bei Männlein und Weiblein, bei Arm und Reich.

Oktober II     Ernst Kein: Wenn die dicke Luzi

November I     Barthold Heinrich Brockes: Das Firmament

In diesem Kalenderjahrgang ist, wie bereits gesagt, mehrmals vom Himmel die Rede. Das Gedicht November I spreche, so haben wir angekündigt, «erschrocken» vom Himmel.
Wir haben mal gehört - es ist egal, ob es buchstäblich stimmt oder nicht - dass an sämtlichen Stränden der Erde nicht so viele Sandkörner liegen, wie es Sterne im Weltall gibt. Ein Mensch muss schon eine sehr starke Natur haben, wenn er sich das vor-stellt und nicht erschrickt. Der Hamburger Ratsherr und Dichter Brockes hat sich schon bei der ihm möglichen Vorstellung er-schrocken - er wusste bei weitem nicht so viel von der Aus-dehnung des Weltalls wie wir. Er rettet sich - ähnlich wie Jean Paul nach seinem Traum von der «Rede des toten Christus vom Weltall herab, dass kein Gott sei» - in die kleine, unseren Augen, Ohren, Händen, Füßen zugängliche Welt. Das gleiche tun wir ja alle, selbst die Gelehrten. Manche müssen sich ja auch aus umgekehrter Richtung am Anfassbaren festhalten: wenn sie in die ungeheuer winzige Nano-Welt geblickt haben.
Im Frühjahr 2010 erscheinen bei uns Gedichte der großen alten Dame der modernen portugiesischen Lyrik: Sophia de Mello Breyner Andresen, 1919-2004. Es ist eine zweisprachige Ausgabe. Eins der Gedichte möchten wir den Kalenderfreunden vorab mitteilen, in der deutschen Übersetzung von Maria Mesquita Sternal und Michael Sternal:

Ich lausche, doch ich weiß nicht:
Ist, was ich höre, Schweigen
oder ist es Gott?

Ich lausche, doch ich weiß nicht: Höre ich
den Widerhall von leeren Ebenen
oder ein aufmerksames Wissen, das
vom andern Weltall-Ende her
mich anblickt und durchschaut?

Ich weiß nur: Ich geh meinen Weg wie jemand
Gesehenes, Geliebtes und Erkanntes,
und darum lege ich in jede Geste
Ernsthaftigkeit und Wagemut.

November II     Tina Stroheker: Nichts

Dezember I     Schmidt von Lübeck: Des Fremdlings Abschied

Dezember II     Jesse Thoor: Rede von der Anschauung

Zu den drei letzten Gedichten des Kalenders ist in dessen Inhaltsverzeichnis das nötigste gesagt. Zu Jesse Thoor ist vielleicht noch beachtenswert, dass das Pseudonym eine gewisse absichtsvolle Verbindung von Jüdischem und Germanischem ist. Isai oder Jesse, ein Abkömmling der Erzväter Abraham, Isaak, Jakob, ist der Vater Davids und damit einer der Vorfahren des Joseph von Nazareth, der (insofern eben doch) der Vater Jesu war. «Es wird ein Reis aufgehen aus der Wurzel Jesse...» heißt es beim Propheten Jesaia, und in dem Weihnachtslied «Es ist ein Ros entsprungen») kommt alsbald die Wendung «von Jesse kam die Art». Also: Aus einer zarten Wurzel ist ein Reis (ein Sprössling) entsprungen und hat ein Blümlein 'bracht... - Nun, und Thoor oder Thor oder Donar ist unser («unser», wenn wir denn Germanen sind) Donnergott, derjenige, der bei einem Trink-Wettstreit der Götter in Walhall (wer denn den gewaltigsten Zug aus dem Weltmeer tun kann, ohne abzusetzen) den Sieg errungen hat: Sein gewaltiges Trinken hat bewirkt, dass das Meer hinfort in Ebbe und Flut hin und her schwankt. (Wie wäre dieses Phänomen sonst zu erklären!) - Aber über alle vielleicht allzu bemühten religionsgeschichtlichen Anklänge hinweg ist Jesse Thoors Gedicht ein schönster ernster würdiger deutscher Psalm.

Deutscher Gedichte Kalender

Wir hatten zum ersten Mal für das Jahr 1984 einen Gedichtekalender im Programm. Auf unterschiedlich farbigem Büttenkarton im großen Format 38,5 x 31,5 cm waren im Buchdruckverfahren (Satz aus Bleilettern) Gedichte gedruckt. Für jeden Monat ein Blatt. Der Titel dieses Verlagswerks war Deutscher Gedichte Kalender.

Dieser schöne ziemlich teure Kalender erschien zum letzten Mal für das Jahr 1991. Danach nicht mehr, weil ein Hilfsverfahren für den Buchdruck aufgegeben worden war: die Galvanoplastik. Mit Hilfe dieses Verfahrens hatte man, teuer und sehr schön, plastische Abformungen des Bleisatzes machen können, von denen man im Buchdruckverfahren drucken konnte.

Die Galvanoplastik war ein sehr umweltbelastendes Verfahren. Darauf hatte man in früheren Jahrzehnten nicht so geachtet. Als die Behörden es sich bewusst machten, wurden (ähnlich wie bei der Papierherstellung) strenge Auflagen für die Reinigung der Rückstände verordnet. Die Aufwendungen für eine Umrüstung waren betriebswirtschaftlich nicht zu verkraften, waren nicht, wie etwa in der Papierindustrie, über Preissteigerungen zu finanzieren. Denn der Buchdruck war weithin zum Erliegen gekommen, der Offsetdruck hatte ihn fast restlos verdrängt. Darum war die ausschließlich auf den Buchdruck bezogene Galvanoplastik überflüssig geworden.

Wir haben den letzten Jahrgang des Deutschen Gedichtekalenders vom Satz (von den Bleilettern direkt) gedruckt. Aber wir mussten uns sagen: Das könnten wir noch drei oder vier Jahre fortsetzen - dann wären unsere Lettern so abgequetscht, dass man keinen guten Druck mehr davon machen könnte.

Kleiner Bruder

Im Winter 1983/84 lernten wir auf der Insel Sylt den Pastor Traugott Giesen kennen. Wir schenkten ihm den ersten Jahrgang des Deutschen Gedichte Kalenders. Er fand ihn wunderschön, fand aber, dass er nur für «die happy few» sei. Er, aus seiner Kenntnis sowohl der Menschen als auch der Poesie, fände einen kleinen Bruder des großen Kalenders verheißungsvoll: Vielleicht mehr als nur zwölf Gedichte, also vielleicht zwei Blätter statt nur eines Blattes pro Monat, vielleicht nicht nur Gedichte, sondern auch kurze Prosa-Texte, und ein niedrigerer Preis.

Der Gedanke leuchtete uns sogleich ein, und wir machten - zusammen mit Traugott Giesen - zum ersten Mal für 1985 einen solchen Kalender. Sein Titel war halb spielerisch: Kleiner Bruder.

Bis 1981 gab es beide Kalender nebeneinander, beide hatten leicht ansteigende Auflagenzahlen. Bis wir dann, siehe oben, den Deutschen Gedichte Kalender aufgaben.

Nun war der Kleine Bruder allein auf weiter Flur. Sein Titel hatte keinen rechten Sinn mehr, aber «der Kalender hieß nun mal so», darum behielten wir den Titel bei.

Mit einem gewissen Unbehagen. Denn er passt gar nicht recht zum Inhalt. «Kleiner Bruder» klingt ein bisschen biedermeierlich (manche sagen sogar kritisch, er klinge nach der «Gartenlaube»). Während doch der Inhalt durch seinen Anteil zeitgenössischer Lyrik - na ja: jedenfalls «für uns Heutige» ist.

Im Lauf der Zeit gab es ein paar redaktionelle Änderungen. Wir gaben es auf, auch Prosatexte zu bringen, weil bei 24 Blättern das Mischen zweier literarischer Gattungen unbefriedigend war. Und wir gaben es, nach mehreren liebevollen Versuchen, auf, Übersetzungen zu bringen; wir hatten immer von «Gästen aus der literarischen Ökumene» gesprochen; aber selbst sehr gelungene Übersetzungen sind eben nur Übersetzungen und machen, literatur-ästhetisch, ein Ensemble uneinheitlich.

Der Kalender bringt jetzt nur noch deutsche Gedichte. Wir könnten ihn, so gesehen, jetzt eigentlich Deutscher Gedichte Kalender nennen. Das wollen wir aber doch lieber nicht tun. Einerseits mit Rücksicht auf die bibliografische Geschichte. Und andererseits: Das Wort «Deutsch» kommt vielleicht schon wieder allzu oft in Titeln und Firmennamen vor.

Werkstattnotizen, zunächst ein Briefwechsel in Sachen (beider) Gedichtekalender

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe Hinweise auf Ihre zwei Gedichtekalender gesehen. Die Kalender interessieren mich.
Handelt es sich beim Zilpzalp um eine andere Sammlung, speziell mit Gedichten für Kinder, oder um eine Auswahl aus dem Kalender Kleiner Bruder?
Wenn man Ihre Kalender über den Buchhandel bezieht... sind sie eingeschweißt, also nicht einsehbar (bevor man sie erwirbt), oder kann man sie direkt anschauen?
Sind es vor allem Gedichte mit religiösem Hintergrund?
Über eine Antwort würde ich micht freuen...

Unsere Antwort:
...Dank für Ihr e-mail. Der Kalender Zilpzalp enhält nicht eine Auswahl aus dem Kalender Kleiner Bruder. Nur im Lauf der Jahre taucht mal in einem der beiden Kalender ein Gedicht auf, das in einem anderen Jahrgang des anderen stand. Ausnahme: Jahrgang 2008: da steht in beiden der Zweizeiler von Angelius Silesius: «Die Ros ist ohn Warum...» Das haben wir gemacht, um sozusagen den Übergang aus dem Zilpzalp in den Kleinen Bruder anzudeuten. Wir hatten vor (und haben das auch verlautbart), dass der Zilpzalp mit dem Jahrgang 2008 beendet werden solle. (Das hängt mit der familiären Entstehung dieses Kalenders zusammen, d.h. damit, dass die Kinder größer geworden, «darüber hinausgewachsen» sind.) Inzwischen haben wir aber so viele Bekundungen von Lesern bekommen, es wäre doch ein Jammer usw..., so dass wir den Zilpzalp doch fortsetzen, vom Jahrgang 2010 an in Zusammenarbeit mit einem Gymnasium.
Der Kleine Bruder mit seinen zwei Blättern pro Monat ist etwas literarischer und etwas ernster gestimmt und hat anspruchsvollen Buchschmuck: abstrakte Vignetten. Der Zilpzalp hat ein Blatt pro Monat, auf etlichen seiner Monatsblätter stehen zwei kurze Gedichte, die Stimmung oder Tönung ist leichter, es kommen immer auch ein paar direkt heitere Gedichte vor. Der Buchschmuck sind von Kindern gemachte «gegenständliche» Linolschnitte. Der Zilpzalp war eigentlich für Kinder gedacht, aber wir haben bald bemerkt, dass es auch viele Erwachsene gibt, die das weniger Gewichtige lieber mögen. Unernst ist er dennoch nicht. Hauptsache: ein Gedicht hat einen Hauch wirklicher Poesie. (Gar nicht lieben wir die heute typischen Kinderliteratur-Konfektion. Und nur selten mal finden wir, nach langer Suche, von den berühmten Jugendbuchautoren ein wirklich sehr gut gemachtes Gedicht...)
Sie fragen nach dem religiösen Hintergrund. Der ist gewiss da. Der Herausgeber des Kalenders Kleiner Bruder war bis vor wenigen Jahren Pastor in Keitum auf Sylt: ein überregional bekannter (nicht medien-modischer) Prediger und Seelsorger, Zuspruch-Geber. Er will aber - gleich uns - in seinem Gedichtekalender das Religiöse nicht betonen, sondern nur andeuten. «Ein Choral pro Jahrgang» ist unsere Faust-Regel (so wie wir uns vorgenommen haben: «in jedem Jahrgang ein Gedicht in antikem Metrum, ein barockes oder vor-barockes, eins von Goethe, ein Sonett und ein Volkslied»). Im Zilpzalp steht überhaupt nichts direkt Religiöses. Eine schon ganz zu Anfang gemeinsam mit den Kindern getroffene Entscheidung war, dass der Dezember nicht auf Weihnachten gestimmt ist. Gerade Menschen mit einem etwas entwickelten Sinn für, sagen wir, Heiliges mögen die oft schon im November beginnende Berieselung und schließlich Überflutung mit «Weihnachtlichem» nicht.
Die Kalender sind nicht eingeschweißt, sondern stecken locker in einer Hülle aus durchsichtiger Plastikfolie. Die kann man öffnen und nach der Ansicht-Lektüre wieder schließen. Der Klebstreifen ist ein gewisses Problem: man muss beim Wieder-Eintüten aufpassen, dass er nicht an der Kalender-Vorderseite festklebt. Darum haben wir, erstmals für den Jahrgang 2009, den Kalendern ein Blatt beigelegt (hinter dem Pappdeckel, von der Rücklseite her zu lesen), auf dem sämtliche Blätter der Kalender ganz klein abgebildet sind. So kann man sich orientieren, ohne den Kalender aus der Hülle zu nehmen.

Tel. +49-8178-4857, Fax +49-8178-7388

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Rev. 02.02.2010