Langewiesche-Brandt Ebenhausen bei München


Zunächst erscheinen hier die Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender 2012. Anschließend die Werkstattnotizen zum vorigen Jahrgang.
Dann kommen ein paar Texte zur Geschichte der beiden Gedichtekalender.
Wer Werkstattnotizen zu früheren Jahrgängen haben möchte, wende sich bitte an den Verlag Langewiesche-Brandt. Dort sind sie gespeichert.
Für den Ausdruck eines Jahrgangs oder mehrerer Jahrgänge Werkstattnotizen und die Zusendung per Post genügt die Vor-Einsendung einer 1,45 €-Briefmarke. Weitere Kosten fallen nicht an.


Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender Jahrgang 2012

Captatio benevolentiae
Gedanken zu Gedichten zu äußern ist problematisch. Trotzdem wird es immer wieder gemacht, auf allen Ebenen zwischen Olymp und Parterre. Es gibt Leser, die mögen überhaupt von niemand anderem etwas zu dem Gedicht hören, das sie gerade vor sich haben. Andere wünschen sich Anmerkungen von einem möglichst nicht ganz dummen anderen Menschen dazu. Manchmal passen die in ihr eigenes Nachdenken, manchmal nur wenig, manchmal gar nicht.
Also, geneigte Leserin, geneigter Leser, wenn Sie sich auf das Folgende einlassen: Zupfen Sie sich heraus, was Sie anspricht, und verwerfen Sie, was Ihnen mehr oder weniger weit vorbeigeht!

Titelblatt     Georg Christoph Lichtenberg
Die Grenze zwischen Dichter und Denker ist zum Glück fließend. Fast alle Dichter können auch denken. Und manche Denker können auch dichten, so Lichtenberg, dessen 270. Geburtstag ins Jahr 2012 fällt (1.7.). Sein Fünfzeiler ist insgesamt gut, sagen wir: so gut wie Goethes Zahme Xenien. Er ist etwa fünfzig Jahre vor denen geschrieben, schmeckt sehr schön nach dem achtzehnten Jahrhundert, besonders die erste Zeile. «Welt» war durch Puder, Parfum und Perücke nicht gewährleistet (es gab auch damals Rüpel), aber der Mann oder die Frau «von Welt» war kein übles Ideal: einigermaßen gut orientiert, sprachlich gewandt, aufmerksam gegenüber den Mitmenschen («artig») und vor allem: weitherzig. Freilich: Alle Idealbilder sind nachgeäfft und oft genug in Misskredit gebracht worden.

Innentitel     Jochen Missfeldt
Das Gegenteil «von allem» – also von Weltmann, Held, Genie, Superstar, Königin der Herzen etc. – oder etwa auch von Schönheit, Gesundheit, Erfolg? Was für ein Vorschlag! Aber es ist ja gar kein Vorschlag, nicht mal ein kompletter Satz, nur so ein Anflug.

Januar I     Marie Luise Kaschnitz
Die drei ersten Zeilen: Die das sagt, hat sich in einem Gebirgswald verstiegen. Überall Bäume, ringsum Felsen. Wo ist der Ausweg aus diesem quasi Brunnenschacht? – Die nächsten drei Zeilen: Feuermachen, wohl auch auf Fahrt. Endlich brennt es richtig, sie wird nicht erfrieren, nicht verhungern. – Die nächsten drei Zeilen: Da ist jemand mutiger und geschickter als sie, gottseidank. – Die letzten fünf Zeilen: Eine Vorfrühlings-Vision. Im Gedicht März II ist dann ausführlich davon die Rede. «Ungebührlich» insofern, als der Vorfrühling jedes Jahr vorprescht, eigentlich noch nicht an der Reihe ist, geliebterweise.
Interessant: bei Vring wie bei der Kaschnitz der Seidelbast als Inbegriff der Hoffnung. «Blühend für keinen» – da mag man an Missfeldts «Alternative» denken. «Tannenschonungversteckt» ist eine von mehreren schönen Wort-Schöpfungen in Gedichten dieses Kalenders, wie wellenatmend bei Goethe, «...das mir niederperlt aus der Höh bei der Droste, Wolkengetürm» bei Petersdorff.

Januar II     Christian Morgenstern
Janus ist – war bei den Römern - eine Gottheit mit je einem Gesicht nach hinten und nach vorn (oder, in Darstellungen auf Münzen, nach links und nach rechts). Danach ist der Monat Januar benannt. – Palmström und Korf muss man niemandem erklären. (Wenn doch: Postkarte oder Anruf genügt – und ein Engel bringt die gewünschte Auskunft.) «Korfen» ist ein scherzhaft altmodisch gebildeter Dativ von «Korf» (der Akkusativ würde ebenfalls «Korfen» lauten). – «mimosisch»: die bällchen- oder kätzchen(pfoten)förmigen gelben Blüten der Mimose verhärten sich ruckartig, versteinern sozusagen, wenn man sie berührt. Palmströms sensible Uhr reagiert nicht derart abwehrend, sondern milde.

Februar I     Andreas Gryphius
War Andreas Gryphius je auf hoher See? Wir wissen es nicht, es ist auch unwichtig. Die (einstige) Schulaufsatz-Frage «Was will der Dichter damit sagen?» hätte jedes (damalige) Sextanerlein rasch beantwortet: Der fürchterliche Sturm ist a) ein fürchterlicher (erlebter oder vorgestellter) Sturm, b) eine Metapher für andere fürchterliche Geschehnisse. Wenn man so etwas lebendig übersteht, kann man erleichtert sagen «Glück gehabt» oder man kann Gott ein Loblied singen oder man kann irgendwie dazwischen reagieren, zum Beispiel: über die Welt und sich selber nachdenken.
Wir hier machen nur auf ein paar sprachliche Beachtlichkeiten aufmerksam
«Schaumt» und «sprützt» ist kräftiger als schäumt und spritzt (ist geradezu Starkdeutsch); «von der Höh in den getrennten Grund»: vom Wellenberg ins Wellental, das so aussieht, als wäre das Meer in zwei Teile aufgerissen; «die often Stöße» (glückliches 17. Jahrhundert! Wenn wir als Kinder sagten «durch die zue Tür», wurden wir belehrt «es heißt: durch die geschlossene Tür»); «der halbzuknickte Mast»; der Schiffer (d.h. der Kapitän) kann «noch Bootsmann noch Seil noch Ruder zwingen» (statt: weder, noch)...
Das Allerschönste ist folgendes – aber Vorsicht, es interessiert nur jemanden, den Versformen interessieren. Das bevorzugte Versmaß des Barock ist der Alexandriner, der sechsfüßige Jambus mit einer Zäsur in der Mitte. In den meisten Versen dieses Gryphius-Sonetts steht da sogar ein Satzzeichen, in den Versen 5, 9 und 12 wird jeder Leser von selbst vor «und» kurz anhalten (die Betonung von Kompass ist auf der zweiten Silbe zu denken, freilich nicht unbedingt auch zu sprechen). Nun der letzte Vers: Nichts da von Zäsur! Gemäß der Silbenzählung müsste sie nach «und» sein, aber das ist natürlich Unsinn. Also: Der letzte Vers ist zwar ein richtiger sechsfüßiger Jambus, aber kein richtiger Alexandriner. An dieser Stelle war dem Dichter formale Regelmäßigkeit egal – wie der Droste in ihrem Gedicht Juni I. Doch noch ein vielleicht allgemein interessierender Hinweis: Oft bilden die zweite Hälfte einer Verszeile und die erste Hälfte des folgenden Verses zusammen einen Satz. Satzbau, Versform und Reimschema gehorchen je eigenen Regeln. Dadurch gibt es, bei diesem großen Dichter, nirgends ein Klappern.

Februar II     Paula Ludwig
Die Paula Ludwig war nie im Hohen Norden. (Das wüssten wir). Aber sie konnte sich einerseits die Mitternachtsonne im Sommer vorstellen, traumhaft, anderseits eben, mit Grauen, den sonnenlosen Winter da oben. «Was will die Dichterin damit sagen?» Das gleiche wie Gryphius. Und wie reagiert sie? Nun, nicht direkt so fromm wie er, aber immerhin.

März I     Georg von der Vring
Wegen des Seidelbast haben wir das Gedicht in den März getan: da blüht er, im Wald, in Kniehöhe, bevor sich das Unterholz begrünt. (Nicht pflücken! Erstens ist er geschützt, zweitens kann man ihn nicht pflückend abkriegen, sein Stiel ist enorm zäh, drittens ist er giftig.) Kalendarisch beginnt der Frühling am 21. März, aber meistens ist da immer erst Vorfrühling. «Veilchen träumen schon, / wollen balde kommen» sagt Mörike, das tun sie vielleicht um diese Zeit, aber sie blühen noch nicht. Auch Georg von der Vring träumt voraus: von dem kleinen Falter namens Bläuling (April), von der Kirschenblüte (Mai). Die braunen Augen, die das alles bald glücklich sehen werden, sind die seiner Frau «Minette». (Wir kannten sie noch.)

März II     Emanuel Schikaneder
Kaum war die «Zauberflöte» geschaffen und aufgeführt (1791), war sie auch schon berühmt. Und kaum war sie berühmt, gab es Versuche, den Text umzudichten, u.a. einen von Goethes Schwager Christian August Vulpius. (Nebenbei, umgekehrt: Wir haben irgendwo gelesen, Goethe habe – wohl später – gesagt, zu seinem «Faust» könne er sich sehr wohl Musik vorstellen; sie müsste so sein wie die der «Zauberflöte».) Wir kennen Familien, in denen die Kinder bereits im ersten Schulalter Arien aus der «Zauberflöte» singen lernen, in fröhlichem Wechsel mit Songs aus der «Dreigroschenoper». – Emanuel Schikaneder ist vor 200 Jahren gestorben (21.9.) In diesem Gedenkjahr mussten wir einen Text von ihm bringen! Wir haben u.a. erwogen «Ein Mädchen oder Weibchen / wünscht Papageno sich» und «Schon prangt, den Morgen zu verkünden, / die Sonn auf ihrer Bahn» und «In diesen heilgen Hallen / kennt man die Rache nicht», aber dann schien uns doch dies Duett am besten geeignet. Seine letzte Verszeile lautet in der frühesten Fassung: «Reichen an die Götter an». In der Aufführungspraxis hat sich aber «Gottheit» durchgesetzt. Und das ist auch einleuchtend, denn die Götter waren, was Weib und Mann betrifft, nicht so erhaben, dass man sie den Menschen als Ideal hinstellen möchte. – Keine große Lyrik, aber unsterblich – soweit unsere Prognosen reichen.

April I     Abraham a Santa Clara
Aus «Des Knaben Wunderhorn». Darin ist angegeben: «Nach Abraham a Santa Clara». Geringfügig anders ist die Textgestalt in der Vertonung von Gustav Mahler.
Wir haben kraft bairischer Original-Kompetenz ein paar weitere Änderungen vorgenommen. Im folgenden Nachweis steht W für die Fassung in «Des Knaben Wunderhorn», M für die Fassung in Gustav Mahlers Vertonung.
Strophe 1, Vers 1 (und durchgehend) M Predigt – 2,1 M allhierher – 2,3 W haben d' Mäuler aufrissen M haben die Mäuler aufrissen – 2,4 W+M Zuhörens – 3,2 W+M die immerzu fechten – 3,3 M eilends – 4,1 W+M Auch jene Phantasten – 4,2 W so immer beim Fasten – 4,6 W dem – 5,2 W+M die – 5,3 W die selber sich M die selbst sich – 6,3 W steigen M steigen eilig – 6,4 W+M hören – 7,4 W wie verständge Geschöpfe M wie verständige Geschöpfe – 8,2 M jeder – 8,6 W wie alle M wie allen – 9,6 wie 8,6.
Das Relativpronomen «die» gibts im Bairischen in dieser Konstellation nicht, das Demonstrativpronomen «jene» überhaupt nicht. «fechten» heißt im Bairischen (wohl überhaupt früher im Deutschen) betteln, nicht etwa kämpfen, das Wort ist also hier ein Fremdkörper; «verfressene, schlechte» ist ein freier Vorschlag von uns. Verb-Kurzformen wie «findt» oder «gfallen» stehen in den ersten Strophen unserer Vorlagen, in den späteren Strophen nicht mehr. Wir haben im Sinne der mundart-typischen Verkürzung vereinheitlicht. «Sie bleiben wie alle» widerspricht der Pointe des Gedichts. Die Fische bleiben verschieden, jeder so, wie er vorher war, nicht «wie alle». Wir waren versucht, zu sagen «Die Predig is ghalten / sie bleiben die alten», haben uns aber beherrscht und lieber den nicht reinen Reim hingenommen; nicht rein gereimt ist auch die Fassung W, sprachlich falsch ist die Fassung M. Unsere Redaktion ist insgesamt ein Versuch, dem vermutlich Gemeinten in legitimem (leicht gehoben sein wollendem) Bairisch nahezukommen. – Antonius von Padua (1195-1231) war ein großer Prediger des Bettelordens der Franziskaner. Seine Fischpredigt ist eine artige Nachahmung der Vogelpredigt des Ordensgründers Franziskus von Assisi.
Es muss hier aus dem Nähkästchen der Kalendermacher geplaudert werden. Der nicht gerade heilige, aber herzhaft fromme Abraham a Santa Clara hat einen in Sachen Antonius heiter ungezogenen, doch an sich ja auch keineswegs unfrommen Nachfahren: Christian Morgenstern. Von ihm ist das Gedicht, das wir anschließend mitteilen. Wir hatten zunächst vor, es als Kalenderblatt zu bringen, gleich nach Abraham. Aber unsere Runde war sich nicht einig. Einem der Mitglieder waren die Derbheiten zu derb, eines fand die Schlusszeile blasphemisch. Alle vier konnten sich vorstellen, dass ein Kalenderleser verstimmt sein könnte. Anderseits waren sich alle vier einig, dass der Morgenstern herrlich zum Abraham passt, ja geradezu gehört, und dass diejenigen Kalenderleser, die Morgensterns «Hecht» noch nicht kennen, Anspruch darauf haben, ihn kennenzulernen. Gut, dass es die Werkstattnotizen gibt! Also:

Christian Morgenstern: Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Antôn
bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrieß.
Doch Grieß, Gras, Rose floss, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich ward angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Antôn, gerufen eilig
sprach nichts als «Heilig! heilig! heilig!»

April II     Richard Leising
Wollte der, der das schreibt, «ins Wasser gehen» und hat es dann doch nicht fertiggebracht? Dort hätte er die ersehnte Weite gefunden – aber er hätte keine Spur hinterlassen, wovon er geträumt hat, wie jeder Dichter, wie wahrscheinlich jeder Mensch. Also nicht die große Lösung ein- für allemal, sondern bescheidene Versuche. Die Städte stehen für (Wieder-)Teilnahme am Leben, vielleicht für einen Anteil Menschenliebe. Die Weite an Land ist kleiner dimensioniert als die an oder auf der See, doch nicht zu verachten. Wege und Flüsse taugen recht gut als Hinweise auf die Unendlichkeit. Das Feuer auch. Die Schlacke ist nicht eins von lauter schätzenswerten Partikeln (Städte, Weite, Wege, Feuer, Flüsse), sondern ist eine hässliche Dissonanz zum Feuer, das Wort gehört zwischen den Zähnen heraus gesprochen, als hämischer Selbst-Einpruch, erst die Flüsse dürfen wieder nach Hoffnung klingen. (Richard Leising war ein ausgezeichneter Vorleser seiner und anderer Gedichte, wir haben ihn oft vorlesen hören.)

Mai I     Wilhelm Busch
In zwei Gedichten des Kalenders treten priesterliche Weisheitslehrer auf: in diesem und im Gedicht Dezember II (Hermann Hesse). Dieses hier erinnert daran, dass vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt und dass heiligmäßige Distanz zum gewöhnlichen Leben manchmal oder oft oder meistens – Geschwätz ist. Im Dezember-Gedicht zieht ein anderer Weisheitslehrer daraus eine andere Konsequenz.

Mai II     Walther von der Vogelweide
Im Kalender selbst stehen Anmerkungen eines Alt-Germanisten, der für Gedichteleser, die nicht Germanistik studiert haben, dieses Gedicht («einigermaßen») nachsprechbar machen wollte. Es ist oft ins Neuhochdeutsche übersetzt worden, keine Übersetzung ist wirklich befriedigend. «an den Rosen er wohl mag / merken, wo das Haupt mir lag» – anders übersetzen kann man gar nicht, nur: was bleibt da auf der Strecke! Allein schon der Klang. «mag» und «lag» ist eben was anderes als «mac» und «lac». Aber man braucht das Gedicht nicht zu übersetzen. Es verlangt nicht mehr Lese-Bemühung als zum Beispiel «calypso» von Ernst Jandl (August II).
Wir möchten noch eine Kleinigkeit aus der Rezeptionsgeschichte des Gedichts anbringen: Der amerikanische Dichter Edward Estlin Cummings (1894-1962) bezeichnet es (noch über Gedichten von Dante Alighieri, William Shakespeare, Robert Burns und John Donne) als sein Lieblings-Liebesgedicht. (In: «i; six nonlectures / ich; sechs nicht-vorträge» d.i. seine Harvard-Poetik-Vorlesung, englisch-deutsch in der Reihe textura, Verlag C.H.Beck.)

Juni I     Annette von Droste-Hülshoff
Vier Strophen zu acht Zeilen, jede Zeile ein dreifacher Anapäst – hier werden manche Fachleute aufheulen, aber die Kalendermacher raten: erst genau hinschauen, dann erst heulen.
Gar nicht sehr viele Verszeilen erfüllen das Versschema genau. Die Dichterin hebt sich über ihr eigenes Formgesetz hinweg. Oft bleibt eine unbetonte Silbe aus, fast nie eine betonte, aber interessant: im Vers «wie die Lindenblüt auf ein Grab» wäre es lächerlich, der Form zuliebe «auf» zu betonen. Hier ist eher statt der Betonung ein Seufzer zu hören, lautlos. Denn jetzt kommt die Dichterin zur Sache.

Von oder zu dem berühmten Gedicht existieren drei Quellen: ein Zeitungs-Vorabdruck (wir behaupten: der Setzer hat es nicht völlig kapiert und hat folglich geschlampert), eine teilweise sehr schwer lesbare Handschrift und der Druck in dem von Levin Schücking aus dem Nachlass der Droste edierten Buch «Letzte Gaben».
Jeder, der das Gedicht in Druck gibt, muss sich mit diesen Quellen begnügen. Wir haben uns meist Schücking anvertraut. Nur für die zweite Zeile der letzten Strophe haben wir eine eigene Lösung gesucht und gefunden. Die Handschrift kann verschieden gelesen werden. In den anderen Ausgaben heißt es: «Dieses Eine mir». Würde das stimmen, wäre diese Verszeile die zweite, in der eine betonte Silbe ausgelassen wird. Denkbar wäre das schon, so frei wie die Droste das Metrum handhabt. Aber wenn man die letzte Strophe hundertmal spricht und anschaut, wird man, glauben wir, unsere Lesart vorziehen.
Dreimal «nur» – wer mag, darf an Goethes «Veilchen» denken: «Ach! nur ein kleines Weilchen / ... / ach nur, ach nur / ein Viertelstündchen lang!» und darf darüber nachdenken. Nochmals zur metrischen Freizügigkeit: Die beiden letzten Zeilen des Gedichtes sind fast völlig frei von jeglicher metrischer Regel. Da geht einfach die Poesie über die Metrik hinweg, zu unserem Glück.

Juni II     Theodor Storm
Die erste Strophe ist ein frühsommerliches Abend- oder Nacht-Bildchen. Hübsch zu denken, dass vom Gesang der Nachtigall die Rosen aufblühen. Die zweite Strophe spricht von einem heißen Sommertag und von einem Mädchen, das über Nacht etwas Bedeutendes erfahren hat. Die dritte Strophe gleicht der ersten Wort für Wort und ist doch diesmal viel mehr als bloß ein hübsches Bildchen.

Juli I     Johann Wolfgang Goethe
Dass die Angel bei Goethe maskulin ist, haben wir in der Schule gelernt. «Kühl bis ans Herz hinan» und «Halb zog sie ihn, halb sank er hin» sind längst stehende Redensarten, oft platt angewendet. Dass die Versuchung oder Anziehung durch das rauschende, schwellende Wasser unwiderstehlich sein kann, wissen wir von Schubert. Aber es lohnt sich, das Gedicht nicht als hinreichend bekannt abzuhaken, sondern Zeile für Zeile auszukosten. Zum Beispiel: «hinauf in Todes Glut» oder: «kehrt wellenatmend ihr Gesicht / nicht doppelt schöner her?». Der tiefe Himmel: vergleiche die Droste (Juni I). Jede Zeile lohnt sich!

Juli II     Dirk von Petersdorff
Ein Vierzigjähriger denkt liebevoll und heiter zwanzig Jahre zurück. Vielleicht, um mit einer denn doch auch wehmütigen Empfindung besser fertig zu werden. Er tut es in antiker Stilisierung, in vier asklepiadeischen Strophen. Der Autor hat uns freundlicherweise erlaubt, sie so zu setzen, wie man sie setzt, wenn die Lesenden den Bauplan erkennen können sollen. Er selber hat die vier Zeilen jeweils vorn beginnen lassen. Hölderlin setzt seine antiken Strophen meist so, dass jede folgende Zeile ein Geviert weiter eingezogen ist.
Das Gedicht ist ein Glücksfall: Urlaub, Auto, Jugend, Sentiment, Ironie und Kunstverstand – alles zusammen.

August I     Nicolas Born
Eine jüngere oder junge Geselligkeit an einem langen Sommerabend in einem menschenfreundlichen Stadtteil. Hohe Balkone – mitten im Grünen. Dass hier und da ein Kopf abfällt, ist milieutypisch robust-nett gesagt für das, was sonst Einnicken heißt oder hieß. Die wichtige Pointe sind die letzten zwei Zeilen. Die gelten für viele Gedichte dieses Kalenders, für viele Gedichte, vielleicht für Dichtung überhaupt.

August II     Ernst Jandl
Makkaronische Poesie – nicht lateinisch-deutsch, sondern englisch-deutsch, also: modern. Wenn man das Gedicht laut liest, kriegt man ziemlich alles raus. Kleine Nachhilfe für die vierte Strophe: as I understand / many languages... Das Gedicht ist mehr zum Lächeln oder, na schön, zum Grinsen, als zum gesellschaftskritischen Zürnen, bitte! «Calypso», ursprünglich Folkloremusik auf den Antillen, war um 1960 ein Modetanz.

September I     Heinrich Heine
Heine war Ende zwanzig, als er die Gedichtfolge «Die Heimkehr» schrieb, der dieses Gedicht entnommen ist. Die Kinder darin gehen vermutlich noch nicht in die Schule, allenfalls in die erste Klasse. Man mag sich vorstellen (unbesorgt um historisch kritische Klärung), dass die wohlhabende Düsseldorfer Familie Heine in der Sommerfrische war, sowas wie Ferien auf dem Bauernhof, und dass die Mutter und die Bäuerin über den beklagenswerten Niedergang der Welt geplaudert hatten – und wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Wer will, darf heutige Plaudergespräche und Kinderspiele damit vergleichen.

September II     Nelly Sachs
Man muss vor- und zurücklesen, bis man nach und nach – eine Ahnung von diesem Gedicht bekommt. Der Zugang ist von seiner zweiten Hälfte her einfacher. Die Abgelösten und ihr Reichtum / die Toten und ihre Seelenlast: das ist das Gleiche, probeweise verschieden bewertet. Himbeeren verraten sich im schwärzesten Wald – das stimmt, aber sie wachsen nur an sonnigen Plätzen, also muss, wenn im dunklen Wald Himbeerduft zu spüren ist, in der Nähe eine Lichtung sein. Reichtum alias Seelenlast ist zwischen Beton und Atomen – die beiden Wörter stehen für die Bedrohlichkeit der modernen Welt – kaum zu finden, aber kann doch...
Der Anfang des Gedichts hat einen Anklang an das Kinderlied «Weißt du, wieviel Sternlein stehen» und an das Chanson «Sagt mir, wo die Blumen sind» (beide sind keineswegs zu verachten). Der erste Anklang erinnert an die Weltordnung, der zweite an deren – zumindest – Labilität. Vielleicht ist das über-interpretiert, aber jedenfalls ist hier von ihrer Störung, Verletzung die Rede. Woher das Bild von der blutig gerissenen Kieme des Fisches kommt und worauf sich das von der wortlosen Sprache bezieht: das wissen wir nicht. Wer es weiß und uns sagt, soll gepriesen sein. (Natürlich können Dichter Bilder erfinden – aber: aus dem Nichts?)
Wieder einfach und wunderschön sind die vier Zeilen des zweiten Abschnitts: «Wohl besitzt Liebe den Blick...» Das schlechthin Schönste sind die drei letzten Zeilen.

Oktober I     Theodor Däubler
Der siebte Vers «Ich wende mich in schlichter Art an jeden» benennt, wohl unbeabsichtigt, den Anspruch des Dichters. Der Dichter zeichnet oder malt, geradezu brav, einen gewöhnlichen Baum, einen nicht mythisch prominenten wie Eiche, Linde, Zeder. Aber immerhin: kein Herbst ohne das Buchenlaub am Boden. «Sammetrote Au» nennt er es, dichterisch übertreibend. Es gibt die schöne Redensart «Wo nicht geliebt wird, wird nicht gesehen». Ebensogut kann man sagen «Wo geliebt wird, wird gesehen». Wer das Gedicht kennt, wird alle künftigen Oktober anders erleben als alle bisherigen.

Oktober II     Robert Gernhardt
Da sucht einer seiner Egozentrik durch Selbstverspottung beizukommen. Ansehen in der Fachwelt, Erfolg auf dem Markt, Beifall von einem großen Publikum. Ein paar Vokabeln passen speziell zum Beruf des Schriftstellers. Aber auch andere Künstler kennen dieses genervte Lippen-Zusammenpressen, auch Männer der Wirtschaft und der Politik. Nur Wissenschaftler und Pfarrer sind frei davon, Frauen sowieso.
Ein gebildeter Spaßvogel wie Robert Gernhardt kann gar nicht anders, als auf Mephistos «ist gerichtet» die Stimme von innen, verhallend, folgen zu lassen: «ist gerettet». Ohne dem Letzten Richterspruch über Gernhardt vorgreifen zu wollen, meinen wir doch: auch er ist es.

November I     Georg Heym
Georg Heym ist vor hundert Jahren gestorben: ertrunken beim Schlittschuhlaufen auf der Havel. Ehre seinem Andenken und Dank für eine Handvoll bedeutendd guter Gedichte. Dieses hier, so haben wir irgendwo gelesen, wurde von dem großen grimmigen Gottfried Benn als das schönste deutsche Trauer-Gedicht bezeichnet, oder als eins der schönsten. Das ist es gewiss. Zu erklären gibt's da gar nichts.

November II     Gertrud Kolmar
Das Gedicht könnte von Clemens Brentano sein, es ist aber von Gertrud Kolmar, aus ihren jungen Jahren. Ihr richtiger Name war Gertrud Chodzienser, ihre jüdische Familie hatte ein schönes Vaterland, nämlich Deutschland. Gertrud besang es, indem sie Gedichte über die Wappenbilder deutscher Städte schrieb, ein braves Bemühen, unseres Wissens von niemandem gewürdigt, vielleicht darf man sagen: nicht ganz zu Unrecht. Gewürdigt werden, sehr mit Recht, einige spätere Gedichte von ihr, wir haben gelegentlich eins im Kalender gebracht. Dieses frühe kennt noch kaum jemand. Vielleicht findet es, so wunderschön wie es ist, etwas Beachtung, etwas Liebe. Gertrud Kolmar wurde 1943 aus Berlin deportiert. Man weiß nicht, wo, wann und wie sie umgekommen ist.

Dezember I     Hermann Hesse
Auf dieses Gedicht haben wir schon im Mai vorauseilend hingewiesen. Dort bei Wilhelm Busch wird jemand vom Podest heruntergeholt, der da eigentlich nicht raufgehört. Das ist immer nötig und oft lustig. Hier bei Hermann Hesse verzichtet einer, der eigentlich auf ein Podest gehört, auf seine Podesthaftigkeit. Das geschieht selten, aber wenn es geschieht, ist es sehr schön.
Ein besonders guter Nebensatz ist: «Und wenn sie ihm mit ihren Fragen kamen, / den eitlen wie den ernsten...». Denn auch wir Publikum oder Wählerschaft oder Gemeinde oder Schulklasse sind ja nicht immer ganz lauter.

Dezember II     Kurt Drawert
Drei fünfzeilige Strophen. Es lohnt sich, erstmal das schöne Reimschema zu beachten. Die jeweils zweite Verszeile bleibt ohne Reim, aber der Vokal bzw. Diphthong ihrer letzten Silbe hat eine Assonanz-Beziehung zu den Endsilben folgender oder vorausgegangener Verszeilen.
Die zwei ersten Verse passen so recht für ein Gedicht zum Jahresende – wenn es denn, hoffentlich, schneit. Aber dann gleich das entsetzliche Bemerken des «lyrischen Ich», dass es sein «lyrisches Du» nicht mehr sieht. (Wir mögen diesen beflissen korrekten Ausdruck moderner Gedicht-Interpretationen nicht. Gewiss ist er nicht völlig sinnlos. Aber wenn Poesie was mit Leben zu tun hat, darf man sich doch wohl vorstellen, dass der Dichter momentan nicht sieht, wo seine Frau ist, buchstäblich oder im übertragenen Sinn. Und das darf einem zu Herzen gehen, oder?) Die letzte Strophe ist die schiere Ratlosigkeit. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wird das schrecklich finden. Viele andere werden geschwisterlich sagen «Auch du!», werden vielleicht das Schweigen als Exerzitium nehmen, werden aber hoffentlich doch das Glück wiederfinden, mit anderen Menschen zu sprechen.
Und das Glück, Gedichte zu lesen.


Werkstattnotizen zum C.H.Beck Gedichtekalender Jahrgang 2011

Titelblatt     Dieser Vierzeiler stand auf dem Titelblatt des Gedichtekalenders «Kleiner Bruder» 1985, des ersten Jahrgangs. Der Jahrgang 2011 ist der siebenundzwanzigste. Von ihm an heißt er «C.H.Beck Gedichtekalender». «Kleiner Bruder» ist noch Untertitel, für seine alten Freunde und wegen der Zählung. Vom alten Verlagsnamen Langewiesche-Brandt ist der erste Teil - unauffällig - noch zugegen: Die Mit-Herausgeber, die bisherigen Verleger, hängen ihn gelegentlich ihrem Familiennamen an: Die Mutter des Mannes war eine Tochter des Verlagsgründers Wilhelm Langewiesche (dessen Ehefrau eine geborene Brandt war). So viel zur Verlegerei. - Zum Spruch selber: Derjenige, der Jahr und Ewigkeit gemacht hat, ist kein alter Mann mit weißem Bart (welche Vorstellung allerdings weder lächerlich noch unwürdig war - die Menschen früher konnten einfach kindlicher glauben). Er ist auch keine Frau mit mehr oder weniger weit wallendem Gewand oder ohne ein solches. Wer oder was er ist, wissen die Astronomen so wenig wie es Andreas Gryphius wusste, aber irgendwer oder irgendwas war da ja wohl am Werk und ist es noch. Was «den Augenblick in Acht nehmen» bedeutet, darüber streiten sich die Theologen mit den Philosophen, und Theologen und Philosophen je untereinander. Wogegen jedes Ich meistens recht gut weiß, was «den Augenblick in Acht nehmen» bedeutet. Ob jedes Ich es dann jedesmal tut, ist eine andere Frage.

Innentitel     Theodor Storm: Ein grünes Blatt. Der Mann, der «so im Wandern» ein grünes Blatt mitnimmt, hofft, dass es seine grüne Farbe behält, wenn er es nun zu Hause in ein Buch legt. Darin täuscht er sich. Das Grün verschwindet, das Blatt bleibt bestenfalls etwas grünlich. Aber gleichviel: es wird ihm sagen, wie laut die Nachtigall geschlagen (hat) und wie grün der Wald (war), und wunderbarerweise bewirkt so ein kleines Gedicht ähnliches bei Lesern, die kein eigenes grünes Blatt in ein Buch gelegt haben. (Sie sollten es aber tun, im kommenden Sommer!) Nachtigall: Wenn sie schlägt, ist der Wald nicht grün, sondern schwarz oder fast schwarz (denn dann ist Nacht). Die Dichter haben auch andere schön singende Vögel «Nachtigall» genannt, zum Beispiel die Singdrossel, sogar die Amsel, die von Storm in seinem Gedicht «Verloren» (im Kleinen Bruder 1992) unter ihrem richtigen Namen gerühmt wird.

Januar I     Jochen Missfeldt: Sammeln. Na, das versteht jedes Kind. Müssen auch Solarzellen, Kondensstreifen, Rasenmäher vorkommen? Ja. Das Nebeneinander von Kindervers-Partikeln und aktuellen (für sich genommen platten) Vokabeln und Bildern ist eine Spezialität Missfeldts, auch in seinen Erzählungen und Romanen. «Die Welt hebt an zu singen / triffst du nur das Zauberwort». Das trifft er. Übrigens schreibt er gerade seine große Theodor-Storm-Biografie zu Ende. Sie erscheint vielleicht schon 2011, spätestens 2012, bei Hanser. - Noch ein Hinweis: Jochen Missfeldts Gedicht «Sammeln» ist so ein «Liebesbrief ... an dich, du wunderbare Welt» wie bei Gottfried Keller (Juli II).

Januar II     Simon Dach: Der Mensch hat nichts so eigen. Ein paar Formulierungen in diesem berühmten Freundschaftslied sind etwas unhandlich. «Was kann die Freude machen, / die Einsamkeit verhehlt». Gemeint ist: die Freude, die (Akk.) die Einsamkeit (Nom.) verhehlt, die Freude, die von der Einsamkeit verhehlt wird, die in der Einsamkeit verborgen bleibt. - «auf den Grund der Hellen»: d.h. der Hölle. - «so treue, wie gebührt»: wir verstehen das etwa wie: so treue, wie es sich gehört, wie im Idealfall. - «Die Heuchelei und Scherzen / nie wissentlich berührt»: Heuchelei: klar. Aber Scherzen? Wir kennen die Redensart «Was sich liebt, das neckt sich» (und handeln danach). Entweder war Simon Dach und waren seine Freunde (überhaupt Zeitgenossen?) in dieser Hinsicht empfindlicher als wir. Oder «scherzen» hatte, weniger lustig als bei uns, die Bedeutung «jemanden hereinlegen» oder «jemanden nicht für voll nehmen» oder «jemanden einer Blamage überlassen»? - Rührend ist das «nicht wissentlich». Unbeabsichtigte Kränkungen unter Freunden gab es demnach schon im 17. Jahrhundert.

Februar I     Albert von Schirnding: Wintervögel. Wer sich je als Verlorener und außerhalb jeglichen Gleichgewichts erlebt hat, versteht dieses Gedicht. (Andere kommen wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, Gedichte zu lesen.) Beachtenswert ist das Nichts als Endstation. Immerhin: Blaues Licht. Wer so glücklich ist, Thomas Manns Roman «Joseph und seine Brüder» zu kennen, wird sich der Szene erinnern, wo der Erzvater Jakob eine Fast-Begegnung mit Gott hat. Der ist auch blaues Licht. Gott = Nichts? Nichts = Gott? Das können Kalendermacher nicht beantworten, wo sich schon Astronomen, Theologen und Philosophen schwer damit tun.

Februar II     Detlev von Liliencron: Wiegenlied. Millionen Mütter singen Söhnchen oder Töchterchen in den Schlaf, und auch zigtausend Väter müssen - oder dürfen - das ab und zu tun. Unter den vielen Müttern und Vätern gibt es ein paar, die eigene Liedchen dichten. Die sind selten origineller als die von lange her überkommenen, und Otiginalität ist auch nicht nötig. Manchmal gerät den Selber-Dichtenden halb aus Versehen ein Motiv aus der Erwachsenenwelt in ihren Singsang. So dem hoch zu schätzenden Dichter Liliencron. Erst: «Streck dein kleines dickes Bein / steht noch nicht auf Weg und Stein» - und dann: «es kommt die Zeit... lebst in atemloser Hast / hättest gerne Schlaf und Rast».- Und dann, so kann man sich ausmalen, denkt der belesene Papa an Faust und an sich selbst: «Hast du die Sorge nie gekannt?» - «Ich bin nur durch die Welt gerannt. / Ein jed Gelüst ergriff ich bei den Haaren...» und so weiter, unbedingt nachlesen (Faust II fünfter Akt Vers 11432 ff, aber man sollte etwas davor ansetzen). Und dann denkt er (nun wieder Liliencron): Um Himmels willen, wo kommt mein Wölfchen denn da hin, er soll doch einschlafen, ich singsange ihm lieber nochmal die erste Strophe, die harmlose. Recht hat er.

März I     Hermann Hesse: Gestutzte Eiche. Die ersten vier Zeilen sind der Ausruf eines Wanderers, der einen Baum-Veteranen sieht. Ab Vers 5 spricht der Baum. Natürlich spricht in Wirklichkeit der Wanderer, der sich in den Baum versetzt. Er lässt ihn sagen: «Ich bin wie du». (Wir hätten gern nach diesem kurzen Satz einen Punkt gesetzt und danach mit einem Versal M den nächsten Satz neu beginnen lassen, haben es uns aber nicht getraut.) - Etwas verwirrend ist der Kontrast zwischen «Was in mir weich und zart gewesen, / hat mir die Welt zu Tod gehöhnt» und, gegen Schluss: «doch unzerstörbar ist mein Wesen». Denn «zu Tod höhnen» bedeutet eben doch: zerstören. Wie kann er dann «versöhnt» sein? «Zu Tod» stimmt also eigentlich nicht, auch nicht recht für eine Anwendung auf das Leben eines Gedichte-Lesers. - Wir haben das Gedicht diesem Einwand zum Trotz aufgenommen, weil es sich interessant mit dem von Gottfried Keller berührt (Juli II): Keller schreibt einen «Liebesbrief» an die «wunderbare Welt», die «Schönheit ohne End». Hesse (d.h. sein Baum-Ich) ist «verliebt» in die (positiv gemeint) «verrückte Welt». Goethes Türmer-Lynkeus-Gedicht in Faust II endet ähnlich: «Es sei, wie es wolle, / es war doch so schön.»

März II     Christiane Schulz: Häuserstadt. Geografisch direkt gehört dieses Gedicht zu Potsdam (der u.a. dort arbeitende Architekt Erich Mendelsohn schrieb sich wirklich nur mit einem s), aber sinngemäß passt es zu jeder Stadt. Erstmal - und lange - ist das Gedicht eine positiv klingende Häufelung, demonstriert es ein frohes, vielleicht stolzes Sammeln wie das Gedicht Januar I. Die ersten «Kartenhäuser» steckt man so weg: Klar, manches wird ja wirklich nur für grade eben gebaut. Aber wenn «Kartenhäuser» zum zweiten, dritten, vierten Mal gesagt werden (insistierend: «hin und wieder», «hin wie», «immer wieder») - und dann heißt es, bezogen auf andere Häuser, «später keine mehr» und «keine mehr» und bloß noch «mehr», dann erkennt man, dass man ein Stück engagierte Literatur vor sich hat. Und: was moderne Lyrik vermag, nämlich: einen wirklich aufregen. - Verszeile 4 beginnt mit «statt». Man dächte, dass «Steinhäuser» im Dativ stehen müsste (im Dativ, weil der Genitiv nicht erkennbar wäre), aber die Autorin wollte ihre Häuser-Liste nicht mit grammatikalischer Pedanterie belasten. Das kann man wohl gelten lassen.

April I     Friedrich Hölderlin: Des Morgens. In der ersten, zweiten und dritten Vorstufe (also in den Entwürfen) dieses Gedichts steht in Vers 2: die Pappel / die Birke / die Pappel. Hölderlin hat das Gedicht 1799 geschrieben, da war er neunundzwanzig. Ähnlich wie in der etwa gleichzeitig entstandenen «Abendphantasie» (im Kalenderjahrgang 1997) erlebt er sich als jung (dort ausgesprochen, hier aber doch auch spürbar). Denkt er an die Hängebuchen im Klosterhof Maulbronn, wo er zur Schule ging? «Das schwanke Haupt neigen» tun eigentlich nur Weiden, Trauerweiden. Gleichviel: es heißt nun mal «Buchen», wir müssen damit leben. - «du goldner Tag» das ist das volle, helle Tageslicht, ist aber auch dessen Verursacher, die Sonne, die bei Hölderlin, dem Wahl-Griechen, eine männliche Gottheit ist: Helios. «Schöne» = Schönheit. - Eine Notiz zur Typografie: Hölderlin schreibt die Stophen so, dass die zweite Verszeile ein Geviert eingezogen ist, die dritte zwei Gevierte, die vierte drei. Wir haben die Strophen so gesetzt, dass man ihr Bauprinzip erkennt: Die ersten beiden Verse sind gleich gebaut, sind «alkaiische Elfsilber». Der dritte Vers hat neun, der vierte zehn Silben. Es schadet nicht, wenn man das weiß und beim Laut-Lesen berücksichtigt. Aber ja nicht knallhart skandieren!

April II     Dirk von Petersdorff: Möwen-Scheuchen. Auch dies ist ein Gedicht vom frühen Morgen. Auch ein Natur-Eindruck, auch ein verheißungsvolles Geschehen, weniger pathetisch, fast gar nicht, insofern: modern. Überhaupt modern. Modern auch das Metrum. Die jeweils dritte Verszeile der beiden Strophen beginnt mit einer betonten Silbe (trochäisch), die anderen Verse beginnen mit unbetonten Silben (jambisch). Halt - wie ist eigentlich der erste Vers gebaut? Da kommen erstmal ganz viele unbetonte oder kaum betonte Silben. Metrisch lesen wie einen etwa jambischen Vers darf man diese Verszeile nicht. Die paar schnellen Schritte, mit denen man in das kleine Bild hineinläuft, sind sicher nicht metrisch gemeint, sondern eben als ein paar schnelle Schritte. Also: Das Gedicht organisiert sich erst nach dem Ende des ersten Verses. Gut, klug gemacht: Die schlichte Botschaft ist angenehm modern übermittelt.

Mai I     Johann Wolfgang Goethe: Es ist gut. «Orient und Okzident - sind nicht mehr zu trennen» sagt Goethe im West-östlichen Divan, und der Bundespräsident kann das nur unterschreiben. In der Poesie dürfen wir die Probleme, die vertrackten, zeitweilig vergessen und uns das gemeinsame Herkommen in Erinnerung rufen. Jehova, Adam und Eva sind gemeinsames Erbteil der Juden, der Christen und der Moslems. Wieviel Scherz oder Leichtigkeit im Umgang mit diesen Heiligkeiten bei den Juden erlaubt ist, wissen wir nicht. Die Moslems (jedenfalls die, von denen Goethe wusste) und wir dürfen mit ihnen spielen. Das geschieht bei uns bis zur Unerträglichkeit u.a. im vorweihnachtlichen Kitsch der Kaufhausmusik. Aber es geschieht auch manchmal in wirklich heiliger Heiterkeit. So hier. Die Liebe zwischen Mann und Frau kann nicht ernster genommen werden als in diesem übermütig spielenden lieblichen Gedicht.

Mai II     Wilma von der Vring: Regenabend. Im Kalender selbst steht schon der literaturgeschichtliche Nachweis: Das Gedicht ist eine Tagebucheintragung der Frau des Dichters. Regen, Garten, Blumen, auch Schnittblumen (besonders Flieder), Traurigkeit (Unerlöstheit) kommen bei Georg von der Vring immer wieder vor. Dieses Gedicht, das außerhalb unseres Kalenders, also in Buchausgaben, als ein Gedicht von ihm erscheint (und weiterhin erscheinen darf und soll) zeigt, wie tief verbunden er und seine Frau gewesen sein müssen: bis in die Möblierung ihres Innenlebens. Die letzte Zeile sagt es mit wunderbar einfachen nicht dürren Worten.

Juni I:     Marianne Willemer: Was bedeutet die Bewegung? Frankfurt und Heidelberg waren die Stätten der Begegnung zwischen Goethe und den Willemers und deren Kreis. Weimar liegt weit östlich davon. Daran denkt man erstmal, wenn man hier liest: Ostwind. Vielleicht ist es aber gar nicht so zu verstehen. Das Gedicht kann auch entstanden sein, während Goethe dort im Westen war, in der Frankfurter Region. Dann ist Mariannes Ostwind-Gedicht nur als Pendant zu ihrem Westwind-Gedicht zu verstehen. - Verse wie diese könnte eigentlich jeder und jede dichten. Meint man. Wieso eigentlich sind die einen unsterblich und andere nicht? Keine Ahnung. Wir kennen viele (tausende) die es nicht sind, und diese sind es eben.

Juni II:     Peter Stössel: Flugstunde. Dieses Gedicht versteht jeder, der mal geflogen ist oder manchmal oder öfters fliegt. «Gewöhnt ist der heutige Knabe, dass ein Flugzeug über ihm dahinfliegt: kaum schaut er noch auf - und kein Fliegender kehrt mit veränderter Seele aus dem Äther zurück...» schreibt Paula Ludwig in der Einleitung zu ihrem schönen Buch «Träume; Aufzeichnungen aus den Jahren zwischen 1920 und 1960». Nach der Lektüre dieses Gedichts wird man weniger abfällig übers Fliegen reden. «Mit veränderter Seele» kommt der Fliegende vielleicht nicht zurück, aber je nachdem, was für einer er ist, hat sich doch was in ihm ereignet. Nicht nur Ernüchterung. Erkenntnis?

Juli I     Joseph von Eichendorff: In der Fremde. «Vater und Mutter sind lange tot» - das kommt bei Eichendorff mindestens noch einmal vor: In dem berühmten Gedicht «Der alte Garten», das sowohl 1995 als auch 2000 im Kalender stand. In dem weniger berühmten Gedicht hier sind nicht nur Vater und Mutter lange tot, sondern noch dazu ist er selber weit von zu Hause weg und wird, so meint er, in der Fremde begraben werden. Nicht schlimm, schöne Waldeinsamkeit gibt es auch in der Fremde, jedenfalls in der, die er vor Augen hat. - Warum ist das Gedicht so besonders anrührend? Sind es nicht lauter Eichendorff'sche Versatzstücke? Die sind alle wunderschön - was ist hier besonders? Es sind sicher die ersten beiden Zeilen, die das ganze kleine Gedicht einzigartig machen. Die müssen vom Himmel gefallen sein.

Juli II     Gottfried Keller: Die Zeit geht nicht. Eine verblüffende Aussage. Wir wissen nicht, ob es sie auch anderswo gibt. Andreas Gryphius (auf dem Titelblatt dieses Kalenders) sieht oder erlebt «die Zeit» anders. Die Vorstellung Gottfried Kellers illustriert völlig neu das, was sich abspielt. Die Karawanserei (Keller sagt, wahrscheinlich richtiger, das Karawanserei, nämlich: das Karawan-Serail) als eine Art Jahrmarkt-Treffpunkt, riesiges Hotel, vielleicht Oase. Aber dann bringt er lauter ganz andere Bilder. Keines passt zum anderen. Es ist ein Herumtasten, der Versuch, dem Leben in der Zeit irgendwie beizukommen - und das kann Gottfried Keller nicht, wir können es auch nicht - und dann folgen wir ihm mehr oder weniger gern (die Kalendermacher folgen ihm herzlich gern), wenn er «an dich du wunderbare Welt, / du Schönheit ohne End» seinen Liebesbrief schreibt. - Die Grünen unter unseren Lesern (wir vermuten, dass nicht wenige zumindest etwas grün sind) werden die Stirn kraus ziehen bei der kühnen Aussage «du Schönheit ohne End» aber sie werden froh den beiden letzten Zeilen zustimmen. Nicht ganz so froh, dass ihr eigenes Gewissen völlig beruhigt wäre, denn: beteiligen wir uns nicht alle daran, die Quelle zu trüben?

August I     Michael Krüger: Rede des Philosophen. Was ist eigentlich Philosophie? Die Kalendermacher haben keine Ahnung. Den Text hier halten sie für ein ziemlich gutes modernes Gedicht. Es ist hundert oder vielleicht hundertzehn oder hundertzwanzig Jahre nach dem von Gottfried Keller (Juli II) geschrieben. Ist es uns näher? Wohl schon. - «Über dem Vergangenen / hängen schwere Wolken» - kaum für den Autor, aber für einige Kalenderleser ist das ein Anklang an Eichendorff (Juli I). Philosophie oder Poesie. Kann uns jemand den Unterschied sagen?

August II     Friedrich Nietzsche: Nach neuen Meeren. Der große Philosoph Nietzsche ist ein großer Poet. Wenn die Begriffe verbraucht sind (und nichts geholfen haben), hilft manchmal ein Bild. Warum gerade Genueser (nicht Venezianer oder Portugieser oder Wikinger) Schiff? Vielleicht gibt es eine biografische Erklärung, vielleicht aber auch nicht - dem Leser genügt es, dass ein Dichter ein Bild setzt. Für das Ausbrechen aus altem Gewässer in neue Meere gilt von nun an eben ein Genueser Schiff. So viel Macht hat ein Dichter. - Zur Weite und Unendlichkeit gehört die Farbe blau, vgl. Februar I Albert von Schirnding, April II Dirk von Petersdorff, Oktober I Gertrud Kolmar.

September I     Gottfried Benn: Keiner weine. Über die Schönheit von Rosen kommt der Autor auf deren (und überhaupt: die) Vergänglichkeit. Wie schön war das eigene gehabte einfache Leben, selbst die Armut. Glanz der Auguren - das verstehen wir so: Glanz, den die Meinungmacher als etwas Unvergängliches zu etablieren versuchen - ist nicht schön. Das Dumpfe (der Autor bemerkt es rund um sich; in einem anderen Gedicht sagt er mitleidig: «Dumm sein und Arbeit haben: das ist das Glück») befindet sich unterhalb der liebevoll benannten Armut. Das für großartig Gehaltene landet in der Unterwelt. Das Dumpfe auch. Und das geliebte einfache Leben? Auch. - Die tränenlose Tapferkeit Gottfried Benns ist zu bewundern. Aber soll der alles verschluckende Hades das letzte Wort haben? Ein schöneres letztes Wort steht statt am Ende des ganzen Gedichtes am Ende seiner ersten Hälfte: «Wie weh war alles, wie schön und zitternd!» Mit dieser von uns zur Pointe gekürten Verszeile sind wir nah bei Keller und bei Hesse und bei Goethes Lynkeus. - Uns fällt ein Spruch ein, dessen Herkunft wir nicht kennen - es könnte eine Inschrift an einem Haus oder auf einem Möbel sein:

Alldieweil Lieb bei Lieb ist,
weiß Lieb nicht, wie lieb Lieb ist.
Aber wenn Lieb von Lieb scheidet,
weiß Lieb wohl, wie lieb Lieb war.

September II     Eduard Mörike: Fußreise. Noch ein bisschen Taugenichts-Glück, eine Generation später. Die Szene ist im Herbst (die goldene Traube). Aber der alte Adam fühlt u.a. Frühlingsfieber. Erstlings-Paradieseswonne ist das schönste Wort der deutschen Literatur. Was soll man mehr dazu sagen?

Oktober I     Gertrud Kolmar: Garten. In dem Weihnachtslied «Ich steh an deiner Krippen hier» von Paul Gerhardt (im Kalenderjahrgang 1990) wird das Christkind angesprochen: «Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht sattsehen.» Das Glück des Anschauens kann man bei einem Kind haben (siehe Januar I, Jochen Missfeldt, Zeile 8), aber man kann es auch angesichts einer Landschaft haben, «O Täler weit, o Höhen» oder in einem Garten. Glückliches Anschauen führt nicht immer, aber oft an die Schwelle der Unendlichkeit, manchmal mitten hinein. Übrigens ist hier, bei Gertrud Kolmar, wieder das Blau die letzte Station oder Instanz. - Interessant ist es, dieses addierende Gedicht neben andere addierenden Gedichte zu halten: Jochen Missfeldt (Januar I), Christiane Schulz (März II), Nico Bleutge (November II).

Oktober II     Ivan Goll: Erst seit du mich kennst. Dieses Gedicht versteht jeder Mensch, der die Liebe erlebt hat. Es ist austauschbar zwischen Mann und Frau. Ivan Goll hat die «Malaiischen Liebeslieder» als von einer Frau gesprochen gedichtet, aber er war schließlich ein Mann. Die Frau, für die (oder «als von der gesprochen») er diese Gedichte gemacht hat, war die Dichterin Paula Ludwig, von wir schon manchmal was im Kalender gebracht haben und sicher noch manchmal was bringen werden.

November I     Gerhard Tersteegen: Gott ist gegenwärtig. Dieser westfälische Dichter war ein Christ ohne Kirche - so würde man das vielleicht heute nennen. Er habe, heißt es, nie eine Kirche betreten. Ihm waren die Kirchenchristen seiner Zeit zu wenig fromm, zu wenig ernstlich fromm. Was er von der kirchlichen, in seiner Gegend wohl vorwiegend protestantischen Glaubenslehre gehalten hat, kann man allenfalls aus seinen Chorälen rückschließen. Vermutlich war ihm vieles, worüber in der Kirche (in den Kirchen) am meisten gesprochen - geredet - wurde, unwichtig. Unser Gedicht ist ein undogmatisches Stück Christentum, ein sehr schönes Stück Mystik. "Ich in dir / du in mir" oder "Komm, du nahes Wesen", so redet er Gott an, seinen Gott, den Gott seines Kreises von Christen am Rand der Kirche. Inzwischen wird der schöne Choral auch in Kirchen gesungen.

November II     Nico Bleutge: dann gegen mittag. Die Rede ist von einer Baustelle. Kann man der etwas Poetisches abgewinnen. Es «schläft ein Lied in allen Dingen», sagt Eichendorff. Würde er es auch hier sagen? «sicherheitszone», «kontrollstellen», «maschendrahtweiten». Gibt es ein «Zauberwort», das diese Grauenhaftigkeiten zum Singen bringt? Nun, wir sind abgehärtet, abgebrüht, wir müssen mehr aufpassen als Eichendorff. «schnelle kinderstimmen», «flecken wandern», «das glitzern der neubaufassaden» (immerhin: glitzern), «der schatten des windrads» - solche Zauberwort-Partikel bringen nicht gleich die Baustelle zum Singen und den Leser zum Liebesbrief-Schreiben «an dich, du wunderbare Welt», aber sie sind Andeutungen einer «Pfundswelt nebenan» (E.E. Cummings: «there's a hell / of a good universe next door; let's go»).

Dezember I     Marie Luise Kaschnitz: Die fremde Erde. Die Dichterin war als junge Frau lange in Rom, hat in einem Antiquariat in Rom gearbeitet. Dieses Gedicht ist nach ihrer Rückkehr von dort geschrieben. (Später war sie zusammen mit ihrem Ehemann wieder jahrelang in Italien; er war Archäologe). Italien ist für viele Deutsche das Land der Sehnsucht. Wer dort heimisch geworden ist und nun wieder in der wirklichen, angestammten Heimat Fuß fassen will, muss sich heroisch anstrengen. [Ein ganz törichter Satzfehler in Verszeile 2, für den wir um Entschuldigung bitten: Es muss natürlich heißen «sieh dich um».] Wir haben das Gedicht, das eine spezielle fast private Situation darstellt, deshalb gewählt, weil heute viele Menschen ihre Heimat verlassen, oft aus beruflichen Gründen. Manchen macht der Zwiespalt zwischen alter Heimat und neuer Heimat nichts aus, manchen macht er sehr zu schaffen. Tut es denen wohl, dieses Gedicht zu lesen? Übrigens lohnt es sich, zum Blatt Juli I zurückzublättern. Eichendorff hat auch was zum Thema Heimat und Fremde zu sagen.

Dezember II     Joachim Ringelnatz: An seine Frau «Muschelkalk». Die Überschrift ist von uns, nicht vom Autor. Wir wollten den Lesern das Verständnis erleichtern. «Der du meine Wege mit mir gehst» klingt ja zuerst so, als werde ein Mann angesprochen. «Muschelkalk» war der Kosename der Frau des Dichters, nicht nur von ihm aus, sondern auch bei den Freunden dieses Paares. «Meine Schlechtigkeiten» - deren hat er sich in mehreren Gedichten bezichtigt. Die zwanziger Jahre, Künstler in Schwabing - was soll man dazu sagen? Es war eine wahre Ehe, eine wahre Liebe. -[«Muschelkalk» hat ihren Mann weit überlebt. Im Dritten Reich gehörte sie, zusammen mit ihrem zweiten Mann, zum Umkreis wichtiger Angehöriger des Widerstands in Berlin. Nach dem Krieg waren sie und ihr Sohn aus dieser zweiten Ehe die Vertragspartner des Verlegers Karl H. Henssel, mit dem wir, Langewiesche-Brandt, viele Jahre, bis zum Ende des Henssel Verlages, freundschaftlich zusammengearbeitet haben. Die Reihe «textura», die jetzt im Verlag C.H.Beck weitergeführt wird, war eine gemeinsame Gründung von Henssel und uns.]


Zur Vorgeschichte, zur Geschichte

Wir hatten zum ersten Mal für das Jahr 1984 einen Gedichtekalender im Programm. Auf unterschiedlich farbigem Büttenkarton im großen Format 38,5 x 31,5 cm waren im Buchdruckverfahren (Satz aus Bleilettern) Gedichte gedruckt. Für jeden Monat ein Blatt. Der Titel dieses Verlagswerks war Deutscher Gedichte Kalender.

Dieser schöne ziemlich teure Kalender erschien zum letzten Mal für das Jahr 1991. Danach nicht mehr, weil ein Hilfsverfahren für den Buchdruck aufgegeben worden war: die Galvanoplastik. Mit Hilfe dieses Verfahrens hatte man, teuer und sehr schön, plastische Abformungen des Bleisatzes machen können, von denen man im Buchdruckverfahren drucken konnte.

Die Galvanoplastik war ein sehr umweltbelastendes Verfahren. Darauf hatte man in früheren Jahrzehnten nicht so geachtet. Als die Behörden es sich bewusst machten, wurden (ähnlich wie bei der Papierherstellung) strenge Auflagen für die Reinigung der Rückstände verordnet. Die Aufwendungen für eine Umrüstung waren betriebswirtschaftlich nicht zu verkraften, waren nicht, wie etwa in der Papierindustrie, über Preissteigerungen zu finanzieren. Denn der Buchdruck war weithin zum Erliegen gekommen, der Offsetdruck hatte ihn fast restlos verdrängt. Darum war die ausschließlich auf den Buchdruck bezogene Galvanoplastik überflüssig geworden.

Den letzten Jahrgang des Deutschen Gedichtekalenders haben wir vom Satz (von den Bleilettern direkt) gedruckt. Aber wir mussten uns sagen: Das könnten wir noch drei oder vier Jahre fortsetzen - dann wären unsere Lettern so abgequetscht, dass man keinen guten Druck mehr davon machen könnte.


Kleiner Bruder

Im Winter 1983/84 lernten wir auf der Insel Sylt den Pastor Traugott Giesen kennen. Wir schenkten ihm den ersten Jahrgang des Deutschen Gedichte Kalenders. Er fand ihn wunderschön, fand aber, dass er nur für «die happy few» sei. Er, aus seiner Kenntnis sowohl der Menschen als auch der Poesie, fände einen kleinen Bruder des großen Kalenders verheißungsvoll: Vielleicht mehr als nur zwölf Gedichte, also vielleicht zwei Blätter statt nur eines Blattes pro Monat, vielleicht nicht nur Gedichte, sondern auch kurze Prosa-Texte, und ein niedrigerer Preis.

Der Gedanke leuchtete uns sogleich ein, und wir machten - zusammen mit Traugott Giesen - zum ersten Mal für 1985 einen solchen Kalender. Sein Titel war halb spielerisch: Kleiner Bruder.

Bis 1981 gab es beide Kalender nebeneinander, beide hatten leicht ansteigende Auflagenzahlen. Bis wir dann, siehe oben, den Deutschen Gedichte Kalender aufgaben.

Nun war der Kleine Bruder allein auf weiter Flur. Sein Titel hatte keinen rechten Sinn mehr, aber «der Kalender hieß nun mal so», darum behielten wir den Titel bei.

Mit einem gewissen Unbehagen. Denn er passt gar nicht recht zum Inhalt. «Kleiner Bruder» klingt ein bisschen biedermeierlich (manche sagen sogar kritisch, er klinge nach der «Gartenlaube»). Während doch der Inhalt durch seinen Anteil zeitgenössischer Lyrik - na ja: jedenfalls «für uns Heutige» ist.

Im Lauf der Zeit gab es ein paar redaktionelle Änderungen. Wir gaben es auf, auch Prosatexte zu bringen, weil bei 24 Blättern das Mischen zweier literarischer Gattungen unbefriedigend war. Und wir gaben es, nach mehreren liebevollen Versuchen, auf, Übersetzungen zu bringen; wir hatten immer von «Gästen aus der literarischen Ökumene» gesprochen; aber selbst sehr gelungene Übersetzungen sind eben nur Übersetzungen und machen, literatur-ästhetisch, ein Ensemble uneinheitlich.

Der Kalender bringt jetzt nur noch deutsche Gedichte. Wir könnten ihn, so gesehen, jetzt eigentlich Deutscher Gedichte Kalender nennen. Das wollen wir aber doch lieber nicht tun. Einerseits mit Rücksicht auf die bibliografische Geschichte. Und andererseits: Das Wort «Deutsch» kommt vielleicht schon wieder allzu oft in Titeln und Firmennamen vor.


Es folgt nun ein Briefwechsel in Sachen (beider) Gedichtekalender

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe Hinweise auf Ihre zwei Gedichtekalender gesehen. Die Kalender interessieren mich.
Handelt es sich beim Zilpzalp um eine andere Sammlung, speziell mit Gedichten für Kinder, oder um eine Auswahl aus dem Kalender Kleiner Bruder?
Wenn man Ihre Kalender über den Buchhandel bezieht... sind sie eingeschweißt, also nicht einsehbar (bevor man sie erwirbt), oder kann man sie direkt anschauen?
Sind es vor allem Gedichte mit religiösem Hintergrund?
Über eine Antwort würde ich micht freuen...

Unsere Antwort:
...Dank für Ihr e-mail. Der Kalender Zilpzalp enhält nicht eine Auswahl aus dem Kalender Kleiner Bruder. Nur im Lauf der Jahre taucht mal in einem der beiden Kalender ein Gedicht auf, das in einem anderen Jahrgang des anderen stand. Ausnahme: Jahrgang 2008: da steht in beiden der Zweizeiler von Angelius Silesius: «Die Ros ist ohn Warum...» Das haben wir gemacht, um sozusagen den Übergang aus dem Zilpzalp in den Kleinen Bruder anzudeuten. Wir hatten vor (und haben das auch verlautbart), dass der Zilpzalp mit dem Jahrgang 2008 beendet werden solle. (Das hängt mit der familiären Entstehung dieses Kalenders zusammen, d.h. damit, dass die Kinder größer geworden, «darüber hinausgewachsen» sind.) Inzwischen haben wir aber so viele Bekundungen von Lesern bekommen, es wäre doch ein Jammer usw..., so dass wir den Zilpzalp doch fortsetzen, vom Jahrgang 2010 an in Zusammenarbeit mit einem Gymnasium.
Der Kleine Bruder mit seinen zwei Blättern pro Monat ist etwas literarischer und etwas ernster gestimmt und hat anspruchsvollen Buchschmuck: abstrakte Vignetten. Der Zilpzalp hat ein Blatt pro Monat, auf etlichen seiner Monatsblätter stehen zwei kurze Gedichte, die Stimmung oder Tönung ist leichter, es kommen immer auch ein paar direkt heitere Gedichte vor. Der Buchschmuck sind von Kindern gemachte «gegenständliche» Linolschnitte. Der Zilpzalp war eigentlich für Kinder gedacht, aber wir haben bald bemerkt, dass es auch viele Erwachsene gibt, die das weniger Gewichtige lieber mögen. Unernst ist er dennoch nicht. Hauptsache: ein Gedicht hat einen Hauch wirklicher Poesie. (Gar nicht lieben wir die heute typischen Kinderliteratur-Konfektion. Und nur selten mal finden wir, nach langer Suche, von den berühmten Jugendbuchautoren ein wirklich sehr gut gemachtes Gedicht...)
Sie fragen nach dem religiösen Hintergrund. Der ist gewiss da. Der Herausgeber des Kalenders Kleiner Bruder war bis vor wenigen Jahren Pastor in Keitum auf Sylt: ein überregional bekannter (nicht medien-modischer) Prediger und Seelsorger, Zuspruch-Geber. Er will aber - gleich uns - in seinem Gedichtekalender das Religiöse nicht betonen, sondern nur andeuten. «Ein Choral pro Jahrgang» ist unsere Faust-Regel (so wie wir uns vorgenommen haben: «in jedem Jahrgang ein Gedicht in antikem Metrum, ein barockes oder vor-barockes, eins von Goethe, ein Sonett und ein Volkslied»). Im Zilpzalp steht überhaupt nichts direkt Religiöses. Eine schon ganz zu Anfang gemeinsam mit den Kindern getroffene Entscheidung war, dass der Dezember nicht auf Weihnachten gestimmt ist. Gerade Menschen mit einem etwas entwickelten Sinn für, sagen wir, Heiliges mögen die oft schon im November beginnende Berieselung und schließlich Überflutung mit «Weihnachtlichem» nicht.
Die Kalender sind nicht eingeschweißt, sondern stecken locker in einer Hülle aus durchsichtiger Plastikfolie. Die kann man öffnen und nach der Ansicht-Lektüre wieder schließen. Der Klebstreifen ist ein gewisses Problem: man muss beim Wieder-Eintüten aufpassen, dass er nicht an der Kalender-Vorderseite festklebt. Darum haben wir, erstmals für den Jahrgang 2009, den Kalendern ein Blatt beigelegt (hinter dem Pappdeckel, von der Rücklseite her zu lesen), auf dem sämtliche Blätter der Kalender ganz klein abgebildet sind. So kann man sich orientieren, ohne den Kalender aus der Hülle zu nehmen.

Tel. +49-8178-4857, Fax +49-8178-7388

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Rev. 28.11.2011